365 Geschichten Ein Jahr … pro Tag … eine Geschichte

24Feb/100

225: Ein schlechtes Gewissen

Der Polizist ging in der Dunkelheit in die Richtung von Gabrieles Auto. Ihre Finger klammerten sich um das Lenkrad so fest, dass die Gelenke der Fingerknöchel sich weiß unter der Haut abzeichneten. Sie hielt den Atem an, schmeckte den muffigen Geschmack im Mund, wenn einem die Spucke wegbleibt, und blickte starr nach vorne.

Es klopfte gegen die Fensterscheibe neben ihr. Der Motor tuckerte noch ... sie könnte jetzt einfach Gas geben und weg. Doch zitternd lies sie die Scheibe herunter - hoffentlich merkte er dieses Zittern nicht! Das Gesicht das Polizisten erschien im offenen Fenster. Er trug eine dieser Ray-Ban-Sonnenbrillen mit silberfarbener Metallbeschichtung, in der sie ihr Gesicht verzerrt und doppelt sah.

"Ich wollte Ihnen nur sagen, dass das Rücklicht auf der rechten Seite nicht mehr funktioniert. Das müssen Sie richten lassen!"

7Nov/090

117: Ich werde verhaftet VII

Fortsetzung von 83: Ich werde verhaftet VI

Unter mir hörte ich die beiden Kittis die Treppe hinuntersteigen, das Echo ihrer Schritte auf den Stiegen. Ich konnte es nicht fassen, sie gingen wirklich runter. Ich blieb noch stehen in der Dunkelheit, wartete auf das allmähliche Verschwinden der Geräusche. Hoffentlich merken sie es nicht, dass ich in der Dunkelheit auf den oberen Stufen geblieben war.

Die Schritte verschwanden in der Dunkelheit. Ich konnte nicht einschätzen, wie weit sie schon entfernt waren, oder wie lange es gedauert hatte. Ich hielt meinen Atem an. Es hatte sich lang angefühlt, bis die Schritte unter mir verstummten und ein „Hey!“ zu mir hochkam. Wegen des Echos konnte ich nicht unterscheiden, ob es Kitti I oder Kitti II war. Aber die Schritte kamen nun wieder von unten hoch – und diese Schritte kamen näher.

Ich rüttelte am Deckel über mir. Er war zwar leicht verklemmt, aber bei weitem nicht so sehr, wie ich behauptet hatte. Ich drückte mit meinem Rücken dagegen, stieg eine Stufe höher und versuchte, meine Beine durchzudrücken. Ein kleiner Metallbügel, der aus dem Deckel herausragte, presste sich in meinen Rücken. Ich ignorierte den Schmerz.

„Stopp!“

Die beiden Kittis kamen von unten her immer näher. Doch der Deckel bewegte sich nur millimeterweise nach oben. Das musste doch gehen. Die Schritte wurden immer lauter.

Da sprang der Deckel mit einem Mal aus der Halterung. Das Licht schmerzte in meinen Augen.

„Schneller!“

Ich hangelte mich aus dem Schacht, konnte allerdings nichts sehen, weil meine Augen noch an die Dunkelheit gewohnt waren. Ich tastete nach dem Deckel, griff ihn und versuchte, ihn wieder auf den Eingang des Schachtes zu ziehen. Er war schwerer als gedacht. Ich tastete ihn ab nach einer Griffstelle, fand aber nichts. So griff ich den hinteren Rand und zog an ihm den Deckel auf das Loch zu. Das Licht tat mir immer noch weh in den Augen. Das Metall des Deckels rutschte scharrend über den Boden. Ich öffnete die Augen kurz, konnte ein paar Konturen ausmachen, musste die Lider aber gleich wieder zupressen.

Die beiden Kittis klangen nur noch ein paar Meter entfernt. Mit einer letzten Kraftanstrengung zog ich den Deckel auf den Schacht. Er rutschte in die Fassung, blieb aber dort schräg hängen. Die beiden Kittis würden ihn so ganz einfach nach oben drücken können. Nur mit den Händen konnte ich die richtige Position nicht finden, in der der Deckel in die Fassung passen würde. Ich zwang meine Augenlider auf, egal wie weh es tat. Ich sah den Deckel in der Helligkeit nur undeutlich, umso deutlicher hörte ich die beiden Kittis die Treppe hochklettern. Ich rüttelte am Deckel – und leise glitt er in die Fassung hinein.

Ich sah immer noch wenig und stolperte durch die Hütte, in der der Einstieg in den Schacht war. Zumindest konnte ich meine Umgebung wieder wahrnehmen.

Da hörte ich, wie sich der Deckel bewegte.

Fortsetzung folgt.

6Sep/090

082: Ich werde verhaftet VI

Fortsetzung von 044: Ich werde verhaftet V

Der Zwerg richtete sich ohne ein weiteres Wort auf seinem Schreibtisch auf und lief über die Tischplatte zur mir abgewandten Seite hin und verschwand dort. Ich spürte die Hände von Kitti I und Kitti II unter meinen Achseln und wurde von ihnen hochgezogen und auf die Beine gestellt.

Kitti I deutete auf die rückwärtige Tür und öffnete sie. Kitti II stieß mich grob von hinten an, sodass ich nach vorne stolperte, der Tür entgegen. Beinahe hätte ich durch diesen Stoß das Gleichgewicht verloren, aber ich konnte mich kurz bevor ich gegen die Betonkante des Türrahmens gefallen wäre noch auffangen. Stumm ging ich in den kahlen Gang, durch den ich schon zuvor geführt worden war. Kitti I und Kitti II folgten mir ebenso stumm. So war nur das Echo unserer gleichmäßigen Schritte zu vernehmen, allenfalls ein gezischtes „Schneller!“ von Kitti I oder Kitti II unterbrach diese Geräuschkulisse.

Nach einer mir endlos erschienenen Zeit erreichten wir wieder die in die Betonwand eingelassene Stahlleiter, die direkt nach oben führte. Ich griff die ersten Sprossen. Für einen Moment spürte ich die scharfkantige Textur, die die teils abgeblätterte Farbe dort hinterlassen hatte. Kitti II legte seine Hand auf meine Schulter und hielt mich vom Hochklettern zurück.

„Vergessen Sie nicht“, hörte ich ihn hinter mir sagen, „Wohin Sie auch immer gehen – wir wissen es schon vorher. Sie haben keine Chance wegzulaufen.“ Dann löste sich der Griff wieder und ich begann zu klettern. Sprosse um Sprosse, immer das metallische Klack-Klack im Ohr, wenn einer von uns auf die nächste Sprosse stieg. So ging es lange Minuten durch die Dunkelheit hindurch nach oben. Immer wieder dieselbe Bewegung. Ein winziger Lichtpunkt tauchte irgendwann über mir auf, als ich meinen Kopf nach oben hin richtete. Das Licht, das durch das kleine Abflussloch des Deckels fiel. Ich konnte nicht anders, als zu denken, Gut, dass es jetzt nicht regnet. Ich lächelte  kurz in mich hinein – so dachte ich zumindest. Aber von unten kam tönte es sogleich rauf: „Was  lachen Sie denn so?“ – „Nicht, nichts.“

Mit der einen Hand hielt ich mich an der Leitersprosse fest, mit der anderen drückte ich gegen den Deckel über mir. Er bewegte sich nicht, keinen einzigen Millimeter.

„Es klemmt.“ Ich hoffte in diesem Moment inständig, dass sich der kleine Anflug von Panik nicht auch in meiner Stimme niederschlagen würde.

„Das kann nicht sein“, hörte ich Kitti I von unten.

„Drücken Sie mal anständig“, hörte ich Kitti II von noch weiter unten.

Ich versuchte es ein weiteres Mal, aber wiederum ohne Erfolg. „Ich krieg ihn nich hoch.“ – „Das ist doch nur Ihre Ungeschicktheit. Lassen Sie mich mal versuchen!“ – „Es ist zu eng, wir können nicht aneinander vorbeiklettern.“ Aber Kitti I ließ sich davon nicht abhalten und versuchte, sich an mir vorbeizudrücken, aber es war nicht genügend Platz für zwei Leute nebeneinander auf der Leiter und in der engen Röhre. „Lassen Sie das, oder es gibt ein Unglück!“ Ich versuchte jetzt nicht mehr, die Panik in meiner Stimme zu verbergen.

„Kitti!“, rief Kitti II von unten hoch, „Es hat keinen Zweck so. Wir müssen noch einmal runter.“

Fortsetzung: 117: Ich werde verhaftet VII