222: Johnny
Johnny ging das dunkle Treppenhaus hinunter. Der Beutel in seiner Hand stank zum Himmel. Wie hatte er sich nur dazu überreden lassen? Aber nun musste er durch, so schnell es ging. Der Gestank griff ihm an die Kehle und drückte zu. Sein Magen begann zu rumoren und seinen Inhalt nach oben zu pressen. Da - schon stand er vor der Tür! Er stürzte hindurch ins Dunkel.
Dann steckte er die verschwitzten Sportsocken in die Waschmaschine und schaltete den Kochwaschgang ein.
In Erinnerung an Johnny aus Geld oder Leben.
221: Kaffeemaschine
Eduard Stolzebrech, einer der zwei Buchhalter der Sonnenschein KG, eilt in die Kaffeeküche, holt die Dose mit dem Kaffeepulver aus dem Kühlschrank. Da steht sie vor ihm, die Kaffeemaschine des Betriebs, zwar ein altmodisches Filterkaffeegerät, keine dieser Espressomaschinen oder Senseo-Padaufbrüher, aber ihre Form aus gebürstetem Aluminium nimmt ihr das altbackene Erscheinungsbild, das gemeinhin von Filterkaffeemaschinen vorherrscht. Gebürstetes Aluminium oder weinrotes Plastik, das sind die einzigen Materialien der Maschine. Eduard Stolzebrech öffnet die Plastikabdeckung des Wassertanks und gießt gezielt das Wasser für zwei Tassen Kaffee hinein, bis hin zu dem Strich bei der "4", da er große Gefäße verwendet. Schnell den Deckel zu und den Filterhalter herausgeschwenkt. Er fingert den Filter aus der Pappschachtel, legt ihn in den Halter und zählt die doppelte Anzahl von Löffel Kaffeepulver an, wie im Tank angezeigt.
Röchelnd springt die Maschine an. Heißer Dampf quillt aus dem schmalen Schlitz zwischen Filter und dem zugeklappten Deckel, der Wassertank und Filterhalter überdeckt und in den Heißwasserleitung gelegt ist, als die ersten Tropfen des heißen Wassers in das Kaffeepulver fallen. Eduard Stolzenbrecher trommelt mit den Fingern auf der Tischfläche vor der Kaffeemaschine herum. Er hört, wie der frisch gebrühte Kaffee in die Kanne unter dem Filter tropft. Als Kind hatte er dem gerne zugeschaut, weil die Kaffeemaschine von damals eine Glaskanne hatte. Die im Büro hingegen ist aus gebürstetem Aluminium und besteht aus zwei Wänden. Der weinrote Plastikrand lässt sich mit einem gleichfarbigen Deckel mit Dichtungsring so zuschrauben, dass die Kanne zur Thermoskanne wird, so man das möchte.
Eduard Stolzenbrecher hört dem gluggernden Geräusch der Kaffeemaschine eine Zeit lang zu, schließlich holt er aus dem Einbauschrank über der Kaffeemaschine seine Tasse.
Gerade ist der Kaffee durchgelaufen, frotzelnd saugt die Maschine die letzten Tropfen Wasser aus dem Tank, da tritt Gaby Mosbach aus dem Verkauf in die Kaffeeküche. Eduard Stolzenbrecher ist nicht überrascht darüber, denn ihr Kollege hatte ihn vorgewarnt, sodass er rechtzeitig den Kaffee hatte aufsetzen können.
„Möchten Sie einen Kaffee? Er ist gleich durchgelaufen.“
Sie sagt nichts sondern lächelt nur beiläufig, während sie ihre Tasse aus dem Einbauschrank holt.
„Danke.“
Eduard Stolzenbrecher gießt erst ihre dann seine Tasse voll und stellt die nun leere Kanne auf die Warmhalteplatte der Kaffeemaschine, die er ausschaltet. Gaby Mosbach nimmt einen Schluck aus der Tasse.
„Guten Kaffee machen Sie.“
220: Das Erbe III
Fortsetzung von 219: Das Erbe II
Die erste Nacht auf Talbot Hall war für Jenny beklemmend, dergestalt dass sie eine Veränderung im Verhalten des Sohnes bemerkt hatte von dem Moment an, als sie auf dem Anwesen angekommen waren. Er hatte es in einer Art betreten, dass sie ihm den herrschaftlichen Habitus, den er versuchte, an den Tag zu legen, nicht abnahm. Als sie das Zimmer hinter sich abgeschlossen hatten, hielt Jenny seine Hand und sagte, sie wisse, wie sehr ihn der Tod seines Vater berührt habe, gewiss mehr, als sie es zunächst wahrgenommen habe, aber dass er ihr keine Stärke vorspielen müsse, die er im Moment nicht habe, worauf er sie umarmte, ihr versicherte, dass er sie liebe und sagte, er wolle das Anwesen, sobald es möglich sei, verkaufen, jedoch nicht unter Wert, und dass sie nur noch ein paar Tage hierbleiben müssten, bis er die Papiere seines Vaters, der im Übrigen nie sehr ordentlich in diesen Dingen gewesen sei, soweit sortiert hätte, um den Verkauf in die Wege zu leiten.
Fortsetzung folgt.
219: Das Erbe II
Fortsetzung von 218: Das Erbe I
Zum angegebenen Tag fuhr er dann in die Auffahrt des Anwesens ein. Auf der Fahrt dorthin war er ungewöhnlich schweigsam gewesen und hatte auf Jennys Fragen zu seiner Familie, über die er bis dahin nie gesprochen hatte, nur sehr einsilbig geantwortet. Als Talbot Hall schließlich hinter einem Hügel auftauchte, wunderte sich der Sohn, dass das Gelände so ungepflegt, beinahe schon verkommen erschien.
Der Diener des Alten, der noch ein gutes Stück älter war, als der Alte es geworden war, und dessen Haut in tiefen Falten und Erhöhungen über dem Gesicht lag, was durch die Beleuchtung der schon tief stehenden Nachmittagssonne noch verstärkt wurde, dergestalt dass sich dunkle Schatten über das Antlitz zogen, begrüßte den Sohn mit einer Selbstverständlichkeit, als sei er nur auf ein paar Tage weg gewesen, wohingegen er Jenny erst dann zu bemerken schien, als der Sohn sie dem Diener in einer Art, die sie nie an ihm bemerkt zu haben glaubte und die in fast beängstigender Weise zu der Umgebung des Anwesens passte, vorstellte, führte er die beiden schweigend in das alte Zimmer des Sohnes, nicht ohne, wenn auch erfolglos, wegen der Tatsache zu protestieren, dass der Sohn und seine Verlobte das Gepäck ganz unstandesgemäß selbst trugen, da der Diener mittlerweile zu gebrechlich sei, um das Gepäck selbst zu schleppen, zumal dem von zwei Personen, was dieser zwar bestritt, aber der Sohn dennoch bei seiner Meinung blieb. Insgeheim bezweifelte er nämlich, als er den schlechten Zustand des Anwesens bemerkt hatte, dass der Diener in der Lage sei, sich in angemessenem Umfang um den Erhalt des Anwesens kümmern zu können, und insgeheim hatte er den Verdacht, dass der Alte den Diener am Ende aus einer nostalgischen Anhänglichkeit heraus weiter bei sich behalten hatte.
Fortsetzung 220: Das Erbe III
218: Das Erbe I
Der alte Talbot hatte sich lange dem Tod widersetzt, der ihn am Ende doch zunächst ins Krankenbett und schließlich ins Grab gezogen hatte. Den Sohn des Alten, der sich stets geweigert hatte, der sich stets geweigert hatte, auf Talbot Hall zu bleiben und der nach einem heftigen Streit zornig das Anwesen verlassen hatte mit dem Versprechen an sich selbst, hierhin erst nach dem Tod des Alten wiederzukehren, und sich in London ein eigenes Leben als Aktienhändler aufgebaut hatte, erreichte die Nachricht vom Tod des Alten aber so spät, dass er seine Geschäfte, die zu diesem Zeitpunkt dringlich waren, denn ihm stand eine äußerst riskante Transaktion an, nicht mehr verschieben konnte und er deshalb der Beerdigung seines Vater fern bleiben musste. Dem Diener des Alten, einem freudlosen Männchen, kündigte er seine Ankunft für etwa eine Woche, nachdem der Alte zur letzten Ruhe gelegt worden war, an und vergaß dabei nicht, auch seine Verlobte, Jenny, zu erwähnen, die er bei dieser Gelegenheit mitbringen wollte.
Zum angegebenen Tag fuhr er dann in die Auffahrt des Anwesens ein. Auf der Fahrt dorthin war er ungewöhnlich schweigsam gewesen und hatte auf Jennys Fragen zu seiner Familie, über die er bis dahin nie gesprochen hatte, nur sehr einsilbig geantwortet. Als Talbot Hall schließlich hinter einem Hügel auftauchte, wunderte sich der Sohn, dass das Gelände so ungepflegt, beinahe schon verkommen erschien.
Fortsetzung: 219: Das Erbe II
217: Sommer (Haiku)
Vom Himmel herab
brennt die Sonne auf das Pflaster
und heizt alles auf.
216: Schneewittchen
"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land", fragte die Königin wie jeden Tag. Der Spiegel, dem Spiel nach langen Jahren immer derselben Frage und derselben Antwort müde geworden, antwortete eines Tages aus einer Laune heraus: "Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier. Aber Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen ist tausendmal schöner als Ihr!"
Dass Schneewittchen tatsächlich existierte, ahnte er zu dem Zeitpunkt noch nicht.
215: Dornröschen
Den Verkehrsstau hinter sich spürten sie nur noch die leichten Erschütterungen des Bodens, wenn die Autos sich langsam vorbeischieben, immer schrittweise weiter. Aber davon merken sie nichts mehr, denn sie sind schon weit weg. Die Abgase setzen sich in ihre Nasen, der Rest ist Träumen.
214: Am Morgen
Der Morgenhimmel dehnte sich noch müde über der Stadt aus. K. blickte über die Dächer der Häuser, ließ den Blick in die Ferne wandern und dachte bei sich, dass er die Schönheit des Morgenhimmels doch zu selten genieße.
213: Der Verdacht
K. war mit einem Gefühl aufgewacht, unter konstanter Beobachtung zu stehen, ohne zu wissen warum. Nicht dass er etwas Verdächtiges bemerkt hätte, aber als er an dem Tag eine Stunde früher als gewöhnlich aufgestanden war, erschien es ihm, als ob die Welt von seinem früheren Aufstehen noch ganz überrascht sei und sich nun überhastet darauf vorbereite, die Illusion seines Lebens aufzubauen.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen und dunkelgrau strahlte der Himmel durch das Fenster in seine Küche. Wahrscheinlich, so dachte er, während er seinen Kaffee trank und das Marmeladenbrot aß, liegt es einfach daran, dass ich diesen Himmel nicht gewohnt bin am Morgen und es sich aus diesem und keinem anderen Grund so anfühlt, als würde etwas nicht stimmen. Als er sich geduscht und Zähne geputzt hatte und angezogen war, war auch dieses merkwürdige Gefühl verschwunden. Mit einem Pfeifen auf den Lippen eilte er in rhythmischen Schritten das Treppenhaus hinab.
Vor der Tür hatte sich eine Menschentraube schon versammelt, die, als K. noch immer das Lied pfeifend die Tür schwungvoll öffnete, hinaustrat und sie laut ins Schloss zurückfallen ließ, schlagartig verstummte. Erst nach ein paar Schritten bemerkte K., dass alle um ihn herum ihn anstarrten und teils in der Bewegung stehen geblieben waren. Auch K. verlangsamte unwillkürlich seine Schritte, bis er zum Stopp gekommen war. Verwirrt starrte er mit eben demselben Ausdruck im Gesicht, der eine Mischung aus Überraschung und Schrecken war, die Menge an.
„Cut“, rief einer hinter ihm. K. drehte sich um, wo er einen Mann mit hoch rotem Kopf auf ihn zustürmen sah.
„Wir drehen hier einen Film, Mann! Und du hast uns jetzt die gesamte Szene verdorben! Weißt du denn, wie viel das kostet?“
In der Tat sah K. in der Straße einen Kranwagen stehen, an dem eine Kamera befestigt war, die er zuvor nicht gesehen hatte.

