365 Geschichten Ein Jahr … pro Tag … eine Geschichte

5Mar/100

233: Bank

Die Enter-Taste leierte an einer Seite an dem kleinen Blechbügel herum, der die größeren Tasten im Zahlenblock der Tastatur festhält. Die Bankangestellte klackerte ohne hinzusehen meine Kontonummer in den Rechner. Das IBM-Logo war schon zur Hälfte vom Plastik abgeschabt.

Ich versuchte, mir einen ihrer Arbeitstage vorzustellen.

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4Mar/100

232: Schaufensterpuppen

Er würde es wieder tun - er muss es wieder tun! Natürlich wird er von der Presse Prügel dafür einstecken, was er sagen wird, aber das war ja seine Absicht. Viel Feind, viel Ehr', das war schon immer sein Motto gewesen. Wer würde es auch sonst tun? Sagen muss es schließlich einer, was alle nur denken aber sich nicht trauen zu sagen. Für die würde er sich aufopfern und die Kritik auf sich nehmen. Je mehr das gutmenschliche Establishment ihn hasst für seine Worte und verabscheut, desto mehr Anerkennung, ja Bewunderung erhält er von der schweigenden Mehrheit, deren Sprachrohr er ist.

Noch einmal prüft er den Sitz von Anzug und Krawatte, dann erst öffnet er die Tür des Saals, in dem die Pressekonferenz stattfinden soll. Er kommt von hinten, wo ihn niemand erwartet, bis auf den Fotografen, dem er mit einer SMS gesteckt hatte, woher er kommen würde und der nun diese Chance auf ein exklusives Foto gleich nutzt. Das Blitzlicht der einen Kamera blendet ihn kurz. Die anderen drehen sich um, Verwirrung für einen Moment, dann legen sie alle ihre Kameras auf ihn an. Die Blitze tauchen ihn in helles Licht, aber sie blenden ihn nicht mehr. Es sind zu viele.

Und er genießt diese Aufmerksamkeit, die ihm zu Teil wird. Alle schauen auf ihn, das Zentrum der Welt. Es bereitet ihm Befriedigung, dass die anderen auf dem Podium jetzt nur noch Statisten sind, die seinen Auftritt umrahmen. Dass sie das wissen, befriedigt ihn nur noch mehr, und dass ihnen nichts weiter übrig bleibt, als mitzuspielen.

Er hat alles vorbereitet, wer ihn fragen darf, aber so, dass es keiner merkt. Und sie spielen alle mit, das Gespräch geht mehr und mehr in die Richtung, die er vorgesehen hatte, nähert sich immer näher dem Punkt. Dann schließlich kann er ihn sagen, diesen einen Satz, den er sich in den letzten Tagen immer wieder durch den Kopf hat gehen lassen.

Die Stille danach ... das digitale Aufnahmegerät des jungen Reporters dieses linken Blattes fällt ihm aus der Hand und schlägt dumpf auf dem Teppichboden auf.

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3Mar/100

231: Bangkok Soir (Im Taxi)

Der Fahrgast kam Somchai merkwürdig vor, schon seit dem Moment, in dem er in sein Taxi gestiegen war. So steif, wie er auf der Rückbank saß und mit leicht verkniffenen Lippen geradeaus stierte, als sei er gar nicht wirklich hier, und nur eine Plastiktüte auf seinem Schoß abgelegt hatte. Aber Somchai hatte schon so viele seltsamen Leute durch Bangkok gefahren – ihn wunderte nichts mehr. Solange er am Ende den Fahrpreis bezahlte, war Somchai alles recht.

Nun hing er mehrere Minuten schon an seinem Handy, wobei er immer nur ganz kurze Antworten in das Mikrofon flüsterte, immer nur „Ja … Jawohl …“. Dann beendete er schließlich das Gespräch, Somchai sah im Rückspiegel, wie der Fahrgast in seiner dunklen Kluft für einen Moment in den Rücksitz zu versinken schien, sich dann aber nach vorne beugte, die Ellbogen quer auf die Sitze von Fahrer und Beifahrer legte, und mit leiser Stimme sagte: „Ey Bruder, ich muss nun doch woanders hin. Ich sag dir den Weg!“

Somchai folgte den Anweisungen des Fremden, der mit jedem Meter, den sie dem noch unbekannten Ziel sich näherten, nervöser zu werden schien.

„Bruder“, sagte Somchai, „wenn wir so weiterfahren, dann kommen wir noch in eine Demonstration der Rothemden.“

„Das lässt sich nicht verhindern.“

„Bruder, ich habe keine Lust, da stecken zu bleiben.“

„Keine Angst, das wir schon nicht passieren.“

Mehr ließ sich der Fahrgast nicht entlocken außer den Beschreibungen, wo abzubiegen sei. Irgendwann erkannte Somchai auf der linken Straßenseite einen Stützpunkt des Militärs.

"Halt hier mal an, Bruder. Ich bin gleich wieder da."

Der Fahrgast stürzte mit der Plastiktüte in der Hand aus dem Wagen, nachdem Somchai den Wagen geparkt hatte und lief mit geschwinden Schritten auf dem Gehsteig dorthin, woher sie gerade gekommen waren. Auch das noch, dachte Somchai und drückte die Fahrertür auf. Der Flüchtende drehte sich beim Geräusch der sich öffnenden Türe um und hob noch im Laufen den Arm beschwichtigend, tippte auf die Armbanduhr und streckte alle fünf Finger in die Höhe, dann drehte er sich wieder um.

Scheiße, dachte Somchai nur. Für einen Moment war er unentschieden, was er weiter machen sollte, denn diese Reaktion hatte ihn verwirrt, das hatte er nicht erwartet. Er lehnte sich gegen die Karosserie, hollte aus der Hemdtasche eine Packung Krongthip-Zigaretten, steckte sich eine zwischen die Lippen und zündete sie an. Mit dem Rauch schien er auch seinen Ärger auszustoßen und nach zwei drei Zügen beschloss er, wirklich fünf Minuten zu warten, ob der Fahrgast zurückkommen würde.

Somchai stellte, während er wartete, einen Radiosender ein, der Lug Thung-Musik spielte und sang das Lied, das gerade lief, halblaut mit.

Flammen schlagen aus dem Militärstützpunkt. Somchai sieht sie im Rückspiegel - was zum ...? Er will gerade die Tür öffnen und sich das anschauen, da wird die hintere Autotür aufgerissen, der Fahrgast von vorhin wirft sich auf die Rückbank.

„Fahr los!“

„Was ...?“

„Schwätz nicht und fahr los!“

Somchai legte den ersten Gang ein und drückte das Gaspedal durch.


Am 18. März 2010, während der Demonstrationen der Rothemden, ging bei einem Militärstützpunkt in der Nähe von Victory Monument eine Panzerattrappe in Flamen auf. Die Polizei sucht einen Taxifahrer als Tatverdächtigen.

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2Mar/100

230: Johnny

Johnny spürte die Gefahr, die von dem Mann in der Wohnungstüre ausging. Seine Augen mogelten sich an Johnnys Schultern vorbei und suchten die Wohnung nach etwas ab. Seine Hand in der Tasche … ist das nicht eine Pistole? Johnny würgte aus seinem trockenen Mund nur ein „Wer sind Sie? Was wollen Sie?“ hervor.

Die Stimme … sie näselte unangenehm: „Haben Sie Radio, Fernseher und Computer schon angemeldet?“

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1Mar/100

229: Leer im Kopf

„Kennen Sie nicht auch das Gefühl der Leere im Kopf?“

„Sie meinen, wenn Sie dasitzen, sich ein Ziel gesetzt haben, was Sie nun erreichen wollen, dann aber keinen Schimmer haben, wie Sie dorthin gelangen könnten? Wenn Sie sich im Kreis drehen, weil Sie nach dem ersten Schritt auf dem Weg suchen, ihn aber nicht finden? Wenn dieses Unvermögen Sie blockiert und verrückt macht? Dieses Gefühl, den Kopf mehrmals gegen die Wand gedonnert zu bekommen und noch ganz benommen Stanley Kubrick schachmatt setzen zu müssen, der aber die anderen Spieler rechts und links von Ihnen, die viel beser Schach beherrschen als Sie, in die Ecke drängt?“

„Ja, genau das!“

„Nein.“

„Aber wie können Sie es dann so beschreiben?“

„Keine Ahnung, ich werde ja nur geschrieben. Meine Gedanken denkt ja ein anderer.“

„Ach so, der … nun ja, dem scheint gerade auch Leere im Kopf zu herrschen.“

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28Feb/100

228: Die Kaffeemaschine – Variante

Da steht sie vor Eduard, die Kaffeemaschine des Betriebs, zwar ein altmodisches Filterkaffeegerät, keine dieser Senseo-Padaufbrüher, aber ihre Form aus gebürstetem Aluminium gibt ihr ein modernes Erscheinungsbild. Eduard öffnet die Abdeckung des Tanks und gießt das Wasser bis hin zum Strich bei "4" ein. Schnell den Deckel zu und den Filterhalter auf. Er fingert den Filter aus der Pappschachtel, legt ihn in den Halter und gibt 8 Löffel Kaffeepulver hinein.

Röchelnd springt die Maschine an. Heißer Dampf quillt aus dem Schlitz zwischen Filter und Deckel, in dem die Heißwasserleitung ist, als die heißen Tropfen in den Kaffee fallen. Eduard hört den frisch gebrühten Kaffee in die Kanne tropfen. Als Kind hatte er dem zugeschaut, weil die Maschine seiner Eltern eine Glaskanne hatte. Die hier ist eine Thermoskanne aus Metall und Plastik.

Eduard hört dem gluggernden Geräusch der Kaffeemaschine eine Zeit lang zu, schließlich holt er seine Tasse.

Gerade ist der Kaffee durch, frotzelnd spuckt die Maschine die letzten Tropfen Wasser aus, da tritt Gaby Mosbach in die Kaffeeküche. Eduard Stolzenbrecher ist nicht überrascht darüber, denn ihr Kollege hatte es ihm gesagt, sodass er schnell den Kaffee hatte aufsetzen können.

„Möchten Sie einen Kaffee? Er ist frisch.“

Sie sagt nichts sondern lächelt nur beiläufig, während sie ihre Tasse holt.

„Danke.“

Eduard gießt erst ihre dann seine Tasse voll und stellt die Kanne zurück in die Maschine. Gaby nimmt einen Schluck.

„Guten Kaffee machen Sie.“

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27Feb/100

227: Überraschungsparty

Peter Edelgard hatte sich gerade auf seinem Sofa niedergelassen und im Fernsehen das ZDF eingestellt, um Wetten dass …?! anzuschauen, als es an der Tür klingelte. Einen leisen Ton der Unwilligkeit ausstoßend, drehte er Thomas Gottschalk bei seiner Anmoderation den Ton ab und öffnete die Tür. Im Treppenhaus standen drei seiner Freunde, Michael Stellhurps, Fred Stechelbeiner und Stefan Müller, die unter Umarmungen gleich in die Wohnung drängten. Peter Edelgard war über die Selbstverständlichkeit, mit der dies geschehen war, so überrascht, dass mehrere Sekunden perplex im Flur stehen blieb. Die drei Überraschungsgäste hatten sich mittlerweile in die Küche zurückgezogen, wo Peter Edelgard hörte, wie der Kühlschrank geöffnet wurde und Gläser klirrten.

In der Küche angekommen sah er nur noch Stefan Müller durch die zweite Tür ins Wohnzimmer gehen und hörte ihn sagen: „Wir haben ein paar Flaschen Bier mitgebracht. Die sind jetzt im Kühlschrank.“ Peter Edelgard öffnete diesen und fand tatsächlich ein paar Bügelflaschen dort stehen, die er nicht gekauft hatte. Was sollte das?

Gerade wollte er ins Wohnzimmer und die drei zur Rede stellen, als es erneut an der Wohnungstüre klingelte. Peter Edelgard verharrte kurz in der Position, drehte sich dann aber wieder in Richtung Flur und öffnete die Tür.

„Danke für die Einladung, hat mich sehr gefreut“, hörte er noch, sah aber nur den Mantel, der ihm entgegengestreckt wurde. „Moment mal“, wollte Peter Edelgard gerade noch sagen, als er schon hörte, wie die Neuankömmlinge durch die Tür vom Flur ins Wohnzimmer gingen und von dort laut Begrüßungen gerufen wurden. Peter Edelgard ließ den Mantel fallen und drückte die Tür zu, doch ehe sie ins Schloss fallen konnte, hatte sich ein Schuh dazwischengedrückt.

„Stopp! Dann müssen wir nicht nochmal extra klingeln!“

Die Tür wurde wieder aufgedrückt und zwei Unbekannte, ein Mann und eine Frau, schoben sich durch den Spalt in die Wohnung.

„Du bist Peter, richtig? Freut mich, dich endlich mal persönlich kenne zu lernen.“ Der Mann schüttelte Peter Edelgard, der dies völlig verdattert geschehen ließ, die Hand. Die Frau zwinkerte ihm kurz zu, als sie sich schon ins Wohnzimmer aufmachte.

Peter Edelgard hatte sich schon so sehr auf Wetten dass …?! gefreut, und nun dass! Alle hatten sich schon häuslich in seinem Wohnzimmer niedergelassen und hatten sich schon in Gespräche vertieft.

„Hey, Peter! Ich dachte, du hättest ein paar Häppchen vorbereitet?“

Er ballte die Faust so stark zusammen, dass sich seine Fingernägel in die Handfläche gruben.

„Was soll denn das? Spinnt ihr denn, so einfach hier reinzuplatzen?“

Eine Stecknadel kullerte in dem Moment von Wohnzimmertisch und fiel laut dröhnend auf den weichen Teppichboden.

Michael Stellhurps fasste sich als erster: „Aber ... du hast uns doch eingeladen?“

„Ich? Das wüsste ich aber! Und wer seid ihr denn eigentlich?“ Peter Edelgard zeigte auf das unbekannte Paar.

„Walter und Trudi. Wir sind doch Freunde seit ein paar Monaten.“

„Ach ja, warum sehe ich euch dann zum ersten Mal? Und überhaupt – Niemanden habe ich eingeladen! Ich will Wetten dass …?! sehen!"

„Doch, ich kanns dir zeigen!“ Fred Stechelbeiner holte ein iPhone aus der Tasche, fuhr mehrmals mit dem Finger über das Display. „Einen Moment, gleich hab ichs im Facebook.“

„Ich habe kein Facebook!“

„Jetzt mach aber mal halblang. Und wer veröffentlicht dann die ganzen Fotos von dir?“

„Fotos? Von mir? Aber ich hab' doch kein Facebook!“

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26Feb/100

226: Der Sammler

Der Sammler wanderte zwischen den verfallenden Häusern, die rechts und links der Straße sich aneinanderreihten. Erinnerungsfetzen blitzten immer wieder auf in seinem Kopf aus der Zeit, in der hier noch kein urbanes Ödland war, sondern Menschen hier noch lebten.

Jedes der Häuser hatte einen Garten davor, in dem die Bäume und Sträucher von den genau geplanten Orten, wo sie noch in festgelegten Dimensionen wachsen konnten, jetzt wild in alle Richtungen wucherten. Der Sammler kannte genau, was diesen Garten einmal ausgemacht hatte, dieses Bild schob sich immer wieder vor das, was er gerade sah, sodass er auch im Wildwuchs des Garten die ursprüngliche Anlage sah.

Einen Teil der hellen Fassade des Hauses, zu dem der Garten gehörte, hatte sich eine Kletterranke erobert, die an der Wand hochgewachsen war und die sich teilweise auch über den Boden ausgebreitet hatte. Der Weg zur Haustüre hin war für den Sammler deshalb ein Kampf gegen die Ranken, die sich immer wieder um seine Füße zu schlingen schienen und ihn zu Fall zu bringen drohten. Wieder und wieder musste er seine Beine von den dürren Ranken befreien, in denen sich seine Beine verfingen, wenn er sie anhob.

Die Tür war einmal weiß gestrichen gewesen, mittlerweile war die Farbe allerdings abgeblättert und lag in dünnen, leicht gebogenen Flaken auf dem Boden. Das nackte Holz, das durch Wind, Regen und Sonnenschein unschön verformt worden war, schaute aus den Stellen ohne Farbe hervor.

Hier hatte der Sammler einmal gewohnt … in einem anderen Leben.

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24Feb/100

225: Ein schlechtes Gewissen

Der Polizist ging in der Dunkelheit in die Richtung von Gabrieles Auto. Ihre Finger klammerten sich um das Lenkrad so fest, dass die Gelenke der Fingerknöchel sich weiß unter der Haut abzeichneten. Sie hielt den Atem an, schmeckte den muffigen Geschmack im Mund, wenn einem die Spucke wegbleibt, und blickte starr nach vorne.

Es klopfte gegen die Fensterscheibe neben ihr. Der Motor tuckerte noch ... sie könnte jetzt einfach Gas geben und weg. Doch zitternd lies sie die Scheibe herunter - hoffentlich merkte er dieses Zittern nicht! Das Gesicht das Polizisten erschien im offenen Fenster. Er trug eine dieser Ray-Ban-Sonnenbrillen mit silberfarbener Metallbeschichtung, in der sie ihr Gesicht verzerrt und doppelt sah.

"Ich wollte Ihnen nur sagen, dass das Rücklicht auf der rechten Seite nicht mehr funktioniert. Das müssen Sie richten lassen!"

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23Feb/100

224: Überfluss und Mangel

Ein Blick auf die Uhr - schon waren beinahe drei Stunden verstrichen. Nur mühsam kann ich mich daran erinnern, was ich in diesen Stunden gemacht habe, außer, dass ich im Intersuft gesurft habe.

Informationsfetzen kommen wieder hoch … das Gesicht von Dirk Niebel sehe ich, auf diversen Blogs habe ich Bilder gesehen von den Demonstrationen der Rothemden, einen Beitrag vom c't-Magazin über Google … aber da muss doch noch mehr gewesen sein!

Wie wenig davon hängen geblieben ist. In Korea, habe ich einmal gelesen, wird mittlerweile eine Art von digitalem Alzheimer diagnostiziert, wenn junge Leute sich so sehr daran gewöhnt haben, ihre Daten digital zu speichern, dass sie sich keine Telefonnummern mehr merken können. Führt uns das Internet auch hierzu, weil es den Zugang zu Informationen verändert?

Früher hatte ich mich eingedeckt mit Büchern zu Filmen, die ich mehrfach gelesen hatte, jede Information in mich aufgesogen – Wissen musste ich erarbeiten, indem ich die wichtigsten Aussagen unterstrich oder am Rand kommentierte, als hätte ich damals schon geahnt, wie selten Informationen doch waren, und damit kostbar.

Heute könnte ich die Fülle an Informationen, die das Web anbietet, in derselben intensiven Art nicht mehr verarbeiten. Heute ist es nicht mehr der Informationsmangel, mit dem man umgehen muss, sondern der Informationsüberfluss. Wikipedia und Internet Movie Database sind um ein beträchtliches umfangreicher als die Bücher, die in meinem Bücherschrank waren. Aber ich springe mehr von einem Teil zum nächsten, ja wenn ich in Fahrt bin, dann suche ich nurmehr noch nach Links, die ich verfolgen kann, in neue Tabs bannen und zwischen diesen hin- und herzuwechseln, nur noch die Struktur verfolge und der Inhalt im schlimmsten Fall seine Relevanz verliert. Ich konsumiere Informationen, so wie ich Fernsehen konsumiere.

Die ganze Welt der Information steht vor mir … und doch habe ich mich nie weniger informiert gefühlt als heute.

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